Beamer-Software „SmartProjector“ lässt Welten verschmelzen

Posted März 16, 2008 by philippb
Categories: Aktuell, Medien

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Mit ihrer Software „SmartProjector“ hat die Bauhaus-Universität Weimar eine Technologie entwickelt, mit der Forschern in unterschiedlichsten Bereichen wie Unterhaltungselektronik, Architektur und der Medizin völlig neue Möglichkeiten offen stehen.

SmartProjector
Foto: Bimber

Es ist der Traum aller Fans von Computerspielen und virtuellen Welten: Digitale Spielfiguren verlassen ihren ursprünglichen Lebensraum auf der Mattscheibe und befinden sich stattdessen mitten im Wohnzimmer. Seite an Seite mit dem Spieler, verschmolzen mit der Wirklichkeit. Lara Croft tritt durch die Wohnungstür und macht es sich auf dem Sofa bequem. Was bisher nur eine verrückte Spielerei aus etlichen Science-Fiction-Filmen gewesen ist, könnte bald greifbare Realität werden.

Ein großer Schritt Richtung Zukunftsvision ereignete sich gerade in Weimar, als die Medienfakultät der Bauhaus-Uni die Lizenz ihrer Technologie „SmartProjector“ an das junge Unternehmen Vioso vergab. Das war der Startschuss zur Vermarktung einer Software, die verzerrungsfreie Bildprojektionen auf jedem Hintergrund ermöglicht.

Entstanden war die Idee vor fünf Jahren, als ein kleines Forschungsteam am Lehrstuhl von Juniorprofessor Dr. Oliver Bimber an einem Programm arbeitete, mit dem man Bilder und Videos projizieren kann, ohne dafür eine sperrige Leinwand mit im Gepäck haben zu müssen. So entstand die patentierte Erfindung „SmartProjector“, die es möglich macht, auf beliebig texturierten und geformten Oberflächen wie etwa Mauerwerk, Zimmerwänden oder Schwiegermamas kunterbunter Küchengardine zu projizieren − farbecht, verzerrungsfrei und ohne erkennbaren Qualitätsverlust.

„Der Beamer wirft zunächst verschiedene Raster an die gewünschte Oberfläche, anhand derer die strukturellen Eigenschaften mit einer Kamera analysiert werden“, erklärt Oliver Bimber. Der Computer berechne dann die einzelnen Pixel des Videosignals, so dass nach entsprechender Korrektur die Projektion in der richtigen Farbe und Helligkeit erscheint.

Die Möglichkeiten, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, öffnen neue Horizonte: Theater und Festivals erstellen ganze Bühnenbilder per Beamer, historische Gebäude dienen als Leinwand für überdimensionale Außenprojektionen. Architekten werfen ihre am Computer erstellten Entwürfe auf die Wände leerer Wohnungen. Ärzte verbessern den Kontrast ihrer ausgedruckten Röntgenaufnahmen, indem sie eine digitale Bildkorrektur direkt auf die Kopien projizieren. Und Nachrichtenkorrespondenten könnten ihre Berichterstattung vor Ort mit Grafiken bereichern, was bisher nur direkt im Studio möglich war. Der Bluescreen scheint damit überholt zu sein.

„Vor allem in der Computerspiel-Industrie sehe ich viel Potential“, meint Bimber und startet ganz nebenbei einen Videoclip auf seinem Laptop, in dem kleine animierte 3D-Autos zu sehen sind, die, vom Beamer auf einen unaufgeräumten Schreibtisch projiziert, auf reale Kaffeetassen und Schachteln zusteuern, dort anecken und entsprechend ihre Richtung ändern. Eine derartige Überschneidung der Welten könnte zusätzlich durch das so genannte „Headtracking“-Verfahren bereichert werden, bei dem sich digitale Grafiken an die Perspektive des Betrachters anpassen und sich so je nach Blickwinkel im Raum zu bewegen scheinen. „Einige Firmen beschäftigen sich bereits mit dieser Weiterentwicklung“, weiß der Juniorprofessor. Die massentaugliche Umsetzung für den Markt würde neue Generation der Computerspiele bedeuten.

In der näheren Zukunft jedoch sieht Bimber eine andere Chance, dass seine Technologie zum wirtschaftlichen Erfolg wird: Mobiltelefone könnten mit integriertem Laserbeamer und der Software aus Weimar ausgestattet werden, damit Handybesitzer ihre Fotos und Videos nicht nur stets in der Hosentasche dabei haben, sondern diese auch noch an jedem beliebigen Ort in Großformat präsentieren können. Die Mobilfunkbetreiber werden sich womöglich bald um „SmartProjector“ und seine Entwickler reißen. Auf der CeBIT hatten sie ja gerade erst für Aufsehen gesorgt.

Bundesvision im Fanblock der Thüringer Ultras

Posted Februar 17, 2008 by philippb
Categories: Aktuell, Medien, Mucke

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Es war nur ein Mickerpünktchen, aber am Ende hat es nicht ganz gereicht. Beim Bundesvision Song Contest verfehlt Clueso auf der Zielgeraden den Gesamtsieg, um Thüringen als strahlenden Gewinner feiern zu lassen und den nächsten Song Contest nach Erfurt zu holen. Und NRW ist schuld.

Der deutsche Massengeschmack bleibt den düsteren Metalklängen angestaubter Darkrockbands treu und wählt nach dem Vorjahressieger „Oomph!“ die Gothic-Rentner von „Subway to Sally“ auf das Siegerpodest. Auf Platz drei eine Kombo aus der gleichen Schublade, „Down Below“, von einem David-Bowie-Verschnitt als Frontmann mit fieser Frise angeführt und einem fragwürdig-dramatisch herumhampelnden Tanztheater unterstützt. Und dazwischen Clueso, der Traumschwiegersohn aus Erfurt, der nun schon zum zweiten Mal überraschend viele Punkte sammeln konnte und die bisher beste Platzierung für sein Bundesland erreichte.

Der große Überraschungssieg wäre auch drin gewesen. Wenn da nicht die Westfalen gewesen wären. Die hatten nämlich das Votingsystem vercheckt, was sogar Moderator Stefan Raab und seine Wimpern klimpernde Quasselkooperation Johanna Klum nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen konnten. Anstatt sich wie alle anderen Bundesländer die zwölf Zähler selbst in die Tasche zu stecken, verschenkte Nordrhein-Westfalen seine Höchstpunktzahl lieber an Brandenburg und dessen Leiern leiernde Musikanten vom Gauklerfest.

„Das ist doch völlig okay, Platz zwei ist geil“, sagte Clueso im Gedränge seines Fanblocks. „Ich bin froh, dass eine Band gewinnt, die seit 15 Jahren ihrer Fanbase treu geblieben ist und mit ihrer Musik besticht anstatt mit großen Showeffekten auf der Bühne.“ Der 28-Jährige war sichtbar überrascht und eher glücklich als enttäuscht und ließ sich auch noch eine knappe Stunde nach Showende von seinen mitgereisten Anhängern feiern, die getreu der neuen Single „Keinen Zentimeter“ von ihrem heimlichen Sieger weichen wollten und die TUI-Arena erst als letzte Gruppe verließ.

Kurz vor Beginn des Contests hatten sich die fünfzig thüringischen Fans, die der Radiosender „Top40“ nach Hannover gekarrt hatte, vor einem Hoteleingang aufgestellt und ihren Star jubelnd in Empfang genommen. Der zeigte sich natürlich, cool und auf dem Boden geblieben, begrüßte jeden Einzelnen mit Umarmung oder Handshake, erfüllte alle Autogrammwünsche und ließ sich brav von den Handykameras ablichten, sofern die vor Aufregung zitternden Hände zum Knipsen imstande waren.

Kollektiv in Blautönen gekleidet, gröhlten die Thüringer dann die anderen 8.450 Zuschauer in der Arena zusammen und unterstützten ihren Kuschelclüse und die Jogginghosen tragenden Streicher von der „Stüba philharmonie“ bis die Stimmbänder versagten. Überraschung, als Thüringen beim Voting schon nach zwei Punktevergaben auf zwanzig Zähler kam, voreiliger Siegestaumel, als Clueso mit neun Punkten davon zog, tränenreiche Enttäuschung, als die Niedersachsen den Sieg für Brandenburg entschieden. Übertriebene Panikmache von Seiten der Organisatoren, die die Thüringer aus Sorge vor eventuellen Totalausfällen mit einer Horde Bodyguards einkesselte. Clueso-Fans sind eben international für ihre Gewaltbereitschaft bekannt.

Schöner konnte die Dramaturgie nicht geschrieben werden. So war Raabs Grand Prix trotz Quoteneinbußen wieder ein voller Erfolg – wie alles, was der Fernsehmetzger anpackt. Und oben drauf gab es noch die große Überraschung, dass die weniger populären Bands nicht wie in den letzten drei Jahren vom deutschen Massengeschmack abgewatscht wurden. Denn während Sportfreunde Stiller, Culcha Candela, Laith Al-Deen, The Far East Band und Das Bo gnadenlos auf die hintersten Plätze verwiesen wurden, teilten sich am Ende eben neben Clueso die düsteren Unbekannten die Punkte.

Bedeutet das nun, dass sich nach etlichen Jahren Untergrundelitismus die Gothic-Szene in den Mainstream reißen lässt? Oder bedeutet es lediglich, dass Wahlergebnisse in TV-Events ihre Aussagekraft verlieren? Vor allem, wenn man eine Show an einem gewöhnlichen Werktag in die Überlänge zieht und zum eigentlichen Voting um kurz vor Mitternacht ohnehin nur noch die finsteren Untoten wach sind…

Games Convention goes Salonfähigkeit? Beobachtungen am Straßenstrich

Posted September 1, 2007 by philippb
Categories: Aktuell, Leipzig

„Na, Süßer? Hast du Lust mit mir zu spielen?“ Mit einem leicht abgekämpften Lächeln steht Denise in der gläsernen Eingangshalle. Sie trägt nicht mehr als ein weißes Triangel-Bikinioberteil, einen schmalen Stoffstreifen, der vermutlich als „Hotpants“ über die Ladentheke gegangen ist, und ein funkelndes Steinchen im Bauchnabel.

Knöcheltief im Sand auf und ab wippend, tänzelt die 20-Jährige zu Brazilectro-Rhythmen um einen knallroten Mini Cooper herum, lehnt sich an das Heck des Sportwagens und deutet mit einem unmerklichen Kopfnicken in Richtung der beiden Monitore, die im Kofferraum installiert sind.

gc Polizei gc MTV TRL mit Sido, B-Tight und Tony D gc Casemodding

Denise studiert in Magdeburg und bessert wie viele andere junge Frauen als so genannte „Hostesse“ bei einem der 500 Aussteller der Games Convention ihr studentisches Einkommen auf. Der Job bringt immerhin bis zu 150 Euro am Tag ein. Spärlich bekleidet sind sie alle. Alle lächeln, tanzen und posieren sie für irgendein neues Computerspiel, das in den kommenden Monaten auf den Markt kommen soll.

Sex sells, blabla. Allen Plänen zu Trotz, die riesige Computerspielmesse und ihre Produkte endlich familientauglich zu machen, entschieden sich die Aussteller letztlich für simple Marktstrategien und reizten lieber niedere Instinkte, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Dabei wollten die Messe-Macher der boomenden Gaming-Branche ein neues Image verschaffen. Daddeln sollte aus der Ecke der verpickelten Computerfreaks an die breite Öffentlichkeit gerichtet und salonfähig gemacht werden. Das ursprüngliche Programm der GC machte zur Realisierung dieser Pläne einen viel versprechenden Eindruck.

gc Reklame gc Interview gc Sacred2 gc Tony Hawk

So reservierten die Veranstalter eine von den fünf Hallen vollständig als Familienbereich, wo eine Plattform für kindgerechte Medien, Schulsoftware und den sinnvollen Umgang mit Spielen eingerichtet wurde. Zusammen mit einhundert Studenten betreute dort der Medienpädagoge Hartmut Warkus die Spieleinseln der “GC familiy”, wo Eltern mit ihren Kindern neue Software ausprobieren konnten.

Spiele für jedermann gelten als Markt der Zukunft. Große Fortschritte wurden deshalb im Bereich von Nintendo Wii und Co. gemacht. Sowohl die Spiele als auch die Empfindlichkeit der Controller werden ständig verbessert, so dass die Technologie inzwischen auch in bewährten Topseller-Games wie “Tomb Raider” oder “EA FIFA” eingesetzt werden kann.

gc Starcraft IIgc PES2008 gc Band

Der hauptsächliche Besucheransturm jedoch richtete sich nach wie vor an die traditionellen Genres für Computernerds. Für die Konsolen PS2 und PS3 wurde der neue Titel von “Pro Evolution Soccer” mit Großbildleinwänden, ohrenbetäubenden Sounds und etlichen Spielecken zum Testen präsentiert und von den Jurys mehrfach ausgezeichnet. In der neuesten Ausgabe von Konami erwartet den Spieler ein hoher Grad an Authentizität. Die Serie zeichnet sich seit Jahren durch ihren wirklichkeitsnahen Spielablauf ab. Mitspieler und Ball verhalten sich auf dem digitalen Rasen nahezu realistisch.

Auf das größte Interesse stieß neben „Pro Evolution Soccer 2008“ die Erweiterung des Klassikers “World of Warcraft” sowie die lang herbeigesehnte Fortsetzung von “Starcraft“. Hier entpuppte sich die GC zum wahren Zockerparadies. Wer einen Platz am Rechner ergattern konnte, gab ihn nicht so schnell wieder auf. Doch wer dem Bild eines wahren Gaming-Fans gerecht werden wollte, nahm auch mal ganz lässig die vier Stunden Wartezeit in der Schlange hin.

gc Rot gc LAN gc Formel1

Mit der Rekordzahl von 185.000 Besuchern ist die GC schließlich zu Ende gegangen. Das waren 2.000 mehr als im vergangenen Jahr, das angestrebte Ziel von mehr als 200.000 Besuchern wurde jedoch deutlich verfehlt. Dennoch zeigten sich die Veranstalter zufrieden. So sei die Messe deutlich internationaler geworden. Auch habe das Medieninteresse zugenommen.

Auf einer Fläche von 112.500 Quadratmetern prägten sich vor allem zwei Bilder ein, die die GC bestimmten: Endlose Warteschlangen, in denen die typischen Klischeedaddler mit fettigen Haaren und Karohemd vor abgeschlossenen Räumen anstanden – und halbnackte Hostessen, die die Optik der Messe in die Optik eines Straßenstrichs verwandelten. Ein Dresscode besteht auf der GC seit Jahren; vielleicht kommen die Aussteller ja auf die innovative Idee, ihn im nächsten Jahr einzuhalten.

Überdruckventil Musikfestival – Wie Urlaub von der Leistungsgesellschaft heute aussieht

Posted August 30, 2007 by philippb
Categories: Mucke

Wie sieht wohl das Horrorszenario eines Pauschalurlaubers aus, der sich nach Entspannung am Pool, täglich warmen Buffet und einem hübsch klimatisierten Hotelzimmer sehnt? Sieht wohl aus wie Camping. Aber wie sieht das Horrorszenario eines Campingurlaubers aus, der vor der Zivilisation Reißaus nimmt, um im Einklang mit der Natur zu den Wurzeln des jagenden und sammelnden Primaten zurückzufinden?

Ein Musikfestival! Wo mehrere Tausend Verrückte für ein paar Tage in einer riesigen Zeltstadt dahinvegetieren. Wo wegen des ohrenbetäubenden Lärms rund um die Uhr an Schlaf nicht zu denken ist. Wo regelmäßige Nahrungsaufnahme nicht zum guten Ton zählt, derweil Mahlzeiten traditionell durch Drogen ersetzt werden. Wo man natürliche Warnmeldungen des Körpers wie Hungergefühl, Müdigkeit oder Schmerz konsequent ignoriert.

Gilt eine solche Vorstellung für die meisten als absolutes Feriendesaster, so ist sie für andere der Höhepunkt des Sommers. Und die Zahl derer, die sich dem für Außenstehende fragwürdig anmutendem Vergnügen hingeben, nimmt stetig zu. Trotz oft steigender Eintrittspreise verzeichnen die mehr als 200 Festivals im Land wachsende Besucherzahlen und sind teilweise bereits Wochen vor Beginn ausverkauft.

Jedes Festival schafft seine eigene Atmosphäre, wo Besucher die Gelegenheit ergreifen, in eine andere Welt einzutauchen. Solche Massenveranstaltungen bilden Identifikationsmuster. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, sang Tocotronic bereits 1995. An diesem grundsätzlichen Wunsch hat sich in einer weitgehend idealfreien Generation bis heute nichts geändert.

Ein Festival bedeutet Auszeit. Um ganz bewusst für ein paar Tage dem alltäglichen Wettbewerbskrampf die Kehrseite zu zeigen. Studium, Praktikum, Job – und dazwischen ein Wochenende für den kalkulierten Ausnahmezustand, bewusst zwischen Verpflichtung A und Verpflichtung B eingetaktet. Die Leistungsgesellschaft hat Festivals als Überdruckventil entdeckt.

Der wachsende Hype um die Musikfestivals überfordert. Für welches Festival man sich auch entscheiden mag, zwei entscheidende Faktoren bestimmen jedes der musikalischen Großevents: Drogen und beschissenes Wetter. Wenn man für ein paar Tage auf den Luxus eines festen Daches über dem Kopf verzichten muss, ist eigentlich ausnahmslos jedes Wetter beschissen, ob die Festivalbesucher nun durch anhaltende Regengüsse im Morast versinken, in der prallen Sonne versengen oder von einer Windböe das aus dem Boden gerissene Nachbarzelt ins Gesicht geweht bekommen.

Sowohl auf dem Fusion Festival am Müritzsee als auch auf dem Melt! bei Gräfenhainichen oder dem Highfield in der Nähe von Erfurt gab es Drogen und beschissenes Wetter mal wieder en masse. Beide Faktoren tauten die Festivalbesucher erst so richtig auf, schienen beim Tanzen vor der Bühne und beim Feiern auf dem Zeltplatz die Stimmung zu heben, verursachten bei stärkerer Intensität Depressionen und Kreislaufzusammenbrüche… und erwiesen sich nachher als nicht gerade empfehlenswerte Kombination auf dem Heimweg hinterm Steuer.

Ende Juni hieß das beschauliche Lärz im mecklenburg-vorpommerischen Nichts bei der elften Auflage seiner Fusion gut 34.000 Besucher auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz willkommen. Ganze 6.000 mehr als im Vorjahr. Auf zwölf Bühnen in Flugzeughangars, Zelten und unter freiem Himmel traten über zweihundert Bands und DJs auf. Unzählige Performances sowie zahlreiche Kino-, Kabarett- und Hörspielveranstaltungen ergänzten das Line-Up aus eher unbekannten Interpreten, die die Fusionisten mit ihren Kindern und Hunden neben Elektrokram auch mit Ska-Punk, Folk, Tango und französischen Chansons begeisterte.

magda Fusion Rakete

Die Fusion wird weniger wegen des aktuellen Programms, sondern vielmehr wegen des Festivals an sich von einer treuen Fangemeinde besucht. Mit viel Liebe zum Detail legten die über 3.000 Organisatoren des Vereins Kulturkosmos einmal mehr mit Erfolg die Basis für eine Parallelgesellschaft, die mit dem aussagekräftigen Motto „Ferienkommunismus“ gut beschrieben ist. Selbst das beständige Regenwetter konnte weder die gute Stimmung, noch die ideologische Tendenz des Festivals kippen, obwohl sich die Zeltplatzpfade „Ho-Chi-Minh-Straße“, „Karl-Marx-Gasse“ und „Leninallee“ (oder so ähnlich) in unbetretbare Sümpfe verwandelt hatten.

Sonne satt hingegen auf dem Melt!, die das komplette Wochenende unerbittlich auf das Gelände von Ferropolis und gleichzeitig den begeisterten Festivalgängern aus dem Arsch scheinen sollte. Auf einer kleinen Halbinsel mit stillgelegtem Tagebau und gigantischen Stahlmonstern hat sich mittlerweile eines der schönsten Open-Air-Festivals überhaupt etabliert. Zwei Wegbier vom Zeltplatz entfernt tanzte sich das Partyvolk zum bereits zehnten Mal auf sieben verschiedenen Floors und Bühnen bis in die Morgenstunden die Beine aus dem Leib.

Matsch Leichen Marienkäfer

Morgens um sieben von der Stage zurück zu den Zelten und um acht wieder hinausgekrochen, weil die Hitze Schlaf unmöglich machte. Insgesamt 15.000 Besucher feierten Headliner wie Tocotronic, The Notwist, DJ Koze, Dendemann oder die Partygaranten von Deichkind, die hier erst im vergangenen Jahr Festivalgeschichte schrieben, als mehrere hundert Fans die Hauptbühne stürmten und dabei die gesamte Technik lahm legten.

Auf knapp 10.000 Zahlende mehr durften sich die Veranstalter des Highfield am Stausee Hohenfelden bei Erfurt freuen. Offenbar fanden sich auch zum Ende des feuchten Sommers immer noch genügend Kranke, die es mit tausenden gleichgesinnten Fanatikern hinaus aufs hohe Feld zog.

Twister MIA Arsch

An den drei Tagen spielten diesmal mehr als fünfzig Bands von Indie bis Emo, darunter Billy Talent, Millencolin, Silverchair, Kaiser Chiefs, The Sounds, MIA. und Interpol, aber auch reihenweise noch unbekannte Newcomer. Damit richtete sich das Programm an eine jüngere Zielgruppe als Fusion oder Melt!, weshalb sich die Zeltplatzgemeinde von Hohenfelden auch bevorzugt mit der eher grundsätzlichen Problematik eines Festivals auseinandersetzte als mit den hochtrabenden ideologischen Theorien der roten Fusionisten. Oder wie es ein Hauptstädter vereinfacht mit Gaffa auf seinem Zelt formulierte: „Pullern jehn is’n Arschloch!“

Sounds Pullern Hahn

Die Festivalsaison hat für dieses Jahr ihr Ende gefunden. Hunderttausende haben auf den Veranstaltungen Dampf abgelassen, bevor sie wieder an ihrem Studien-, Schul- oder Arbeitsplatz zurück in den Alltag finden. Mit ein paar Blessuren vom Pogen und Crowdsurfen vor der Bühne, malträtierten Trommelfellen und einer vergifteten Leber. Aber mit Sicherheit ohne ein Hindernis im Hinderkopf, den Hype um die Festivals im kommenden Jahr nicht weiterleben zu lassen.

Der „Who put the L“-Sampler ist raus!

Posted Juni 26, 2007 by philippb
Categories: Aktuell, Leipzig, Mucke

Am Freitag wird in Ilses Erika der erste Sampler des Indie-Netzwerks „Who put the L in Leipzig.“ veröffentlicht. Musikalisch begleitet wird die Record-Release-Party von „Mary & the Testicules“ und „The Plectrons“ (Achtung, Brett!).

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Regionale Bands haben alle das gleiche Problem, so sehr sie es auch auf dem musikalischen Kasten haben mögen: Kaum ein Schwein nimmt Notiz von ihnen. Hier in Leipzig gedeiht schon seit geraumer Zeit eine Musikszene mit etlichen aufstrebenden Interpreten. Und viele von ihnen hätten durchaus das Potential, sich bundesweit oder sogar auf internationaler Ebene zu vermarkten. Fehlt nur noch die Plattform, um die talentierten Damen und Herren aus ihren Löchern zu holen.

Um eben solche eine kümmern sich seit einem knappen Jahr Christian Barden und Thomas Stötzner, ihres Zeichens Musiker aus Leipzig und somit ebenso unter dem karrierebedrohenden Bekanntheitsdefizitsyndrom leidend. Ziel ist es, mit Gigs und Platten einen Rahmen für auftretende Bands zu zimmern, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Unter dem Namen „Who put the L in Leipzig.“ wurden in den vergangenen Monaten einige durchweg gut besuchte Veranstaltungen in Volkshaus, Nato und Frühauf organisiert. Und nach einigen Verzögerungen wird nun der erste Sampler des Netzwerks veröffentlicht.

Auf der CD, die auf dem Label Palmo erscheint, finden sich mit Brockdorff Klang Labor, Acid.Milch&Honig, The Downtown Psychedelics, Woodruff and the Snibble of Azimuth, Mirz Brün, Pepe Mula und Peter Piek sieben Bands aus dem Indie-Sektor wieder, die sich mit ihren jeweils zwei besten Songs vorstellen. An der Spitze des Samplers stehen Brockdorff Klang Labor, die bereits an der Schwelle zum bundesweiten Durchbruch stehen. Bei ZickZack ist soeben ihre EP “Frohe Schritte” erschienen.

Der „Who put the L“-Sampler kann als Art Retrospektive auf die Entwicklung des Netzwerks in den vergangenen Monaten betrachtet werden. Während der Arbeit an der jetzt erscheinenden CD haben Barden und Stötzner längst wieder so viele neue Indie-Bands mit Potential kennen gelernt, um rein theoretisch gleich eine zweite Platte nachschieben zu können. Vielleicht finden sich ja schon auf der „Vol. 2“ die beiden Bands wieder, die am Freitag die Ilse rocken werden.

Weil Indierock und Elektro auch unter den Leipziger Musikern immer häufiger miteinander verknüpft werden, hat sich „Who put the L“ mittlerweile auch mit East German International zusammengeschlossen, einer Leipziger Plattform für Elektropop, die schon seit drei Jahren lokale Interpreten unterstützt. Großartige Idee. Die Prezzwurst und alle Leipzscher Freunde der Tanzmusik sind gespannt und warten auf neuen Stoff!

Alphonsische Nachwehen

Posted Juni 22, 2007 by philippb
Categories: Aktuell, Leipzig, Medien

Ganz schön was los hier seit Montag. Und der Blogazubi aus dem Seminar wundert sich, was eine kleine Diskussionsrunde so ganz unter uns im kuscheligen Web für Ausmaße annehmen kann. Besonders, wenn man den Spaß noch einmal doppelt und dreifach verlinkt.

So wie jetzt zum Beispiel: Am unterhaltsamsten wird wohl über Dons Gastauftritt inklusive Reaktionen hier diskutiert.

Auch der besser bekannte Waschsalon amüsiert sich.

Und seminar”intern” hauptsächlich bei Florian.

Was ich von DA in diesem Rahmen immer wieder lese, ist der Vorwurf, dass die Seminarteilnehmer zu feige gewesen seien, um die ganze Debatte von Angesicht zu Angesicht zu behandeln. Kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Schließlich ist die Grundlage der ganzen Show doch erst im Anschluss in den jeweiligen Blogs entstanden…

Ode an die sinnfreie Berichterstattung

Posted Juni 21, 2007 by philippb
Categories: Leipzig

Eine wirklich eindrucksvolle Lesung unter dem Titel [sinn/stift/ende] fand gestern Abend im „Four Rooms“ statt. Der Auftakt einer interdisziplinären Veranstaltungsreihe zu abstrakt angelegten Themenkomplexen in Form von szenischen Lesungen. Dass das Publikum hier und da dumm aus der Wäsche des Sitznachbarn zu gucken schien oder notfalls auch mal hilflos zu kichern wagte, kam schon des Öfteren vor. Aber damit muss man bei einer interdisziplinären Veranstaltungsreihe zu abstrakt angelegten Themenkomplexen in Form von szenischen Lesungen auch rechnen.

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Ich durfte in dem sowohl zu kleinen, als auch zu warmen Saal neben zu vielen Leuten, die natürlich die Verantwortung für die nicht allzu angenehme Temperierung aufgrund ihres schwer vermeidbaren Verhaltens der lebensnotwendigen Atmung selbst zu tragen haben, für nicht zu lange zweieinhalb Stunden mitverfolgen, wie mehrere Kommilitonen, hauptsächlich aus dem Bereich Theaterwissenschaft, zum Teil aber auch aus der Journalistik (angeheiratet bzw. zum Glück gezwungen), unter dem Motto „Die Befindlichkeit des Landes“ (Mela-Mela-Mela-Mela-Melancholia) ihre gesammelten lyrischen Ergüsse über abstakt angelegte Themenkomplexe in Form einer szenischen Lesung zum Besten gaben.

Das Publikum wurde unter anderem von einem unter dem Druck der MTV-Generation in Orientierungslosigkeit geratenen Mädchen, einer derbst am Zeiger drehenden umwerfend aussehenden Statistikerin, dem Randgruppendasein eines Landeis, einem elitären Penner, einem jammernden Prokrastinauten sowie einem apfelgeilen Hitlerverschnitt, der alle fetten Kinder der Welt anzuführen plant, abwechslungsreich unterhalten. Mit Abstand am besten gefallen hat mir ein von Chören unterstützter Beitrag zur Informationsgesellschaft und deren Softskills. Obwohl ich ihn nicht begriffen habe. Oder vielleicht gerade weil. Den Rest habe ich schon wieder vergessen.

Als verbohrter Theaternazi, der bis zu seinem Lebensende nicht auf dem Pathos der Bühnenspielerei klarkommen wird, hat mir an der szenischen Lesung nicht so gut gefallen, dass sie szenisch war. Die Texte waren durchweg großartig. Das wären sie zum Großteil aber auch dann gewesen, wenn sie ein uninszenierter Leser an einem Tischlein sitzend von einem uninszenierten Blatt abgelesen und hin und wieder den Applaudierenden im Saal mit seinem Wasserglas bescheiden zugeprostet hätte.

Trotzdem bemerkenswert, was die beiden Initiatoren Aleksandra Stankiewicz und Marek Bednarsky da in relativ kurzer Zeit auf die Beine stellen konnten und was die vortragenden Künstler in einer scheinbar routinierten Beiläufigkeit abgeliefert haben. Diese erste szenische Lesung aus der interdisziplinären Veranstaltungsreihe wird noch einmal wiederholt, nämlich demnächst, und zwar irgendwo am 7. Juli im Werk 2, Halle 5. Genauere Uhrzeit folgt eventuell.

So viel zum Informationsgehalt kultureller Berichterstattung.

Don Alphonso: „Ich würde mein Kind eher auf den Bau schicken als in den Journalismus!“

Posted Juni 19, 2007 by philippb
Categories: Aktuell, Leipzig, Medien

Zur letzten Sitzung des Seminars „Journalismus im Web 2.0“ wurden zwanzig studentische Mehr-oder-minder-Möchtegern-Journalisten herzlich zum kollektiven Kniefall eingeladen. Denn kein Geringerer als Don Alphonso gab sich die Ehre. Der Don. Der Blogmeister von blogbar. Der Nerdgott. Der Dreckwühler. Das Schreckgespenst von Holzbrinck die wo die VZ-Fickbörse erworben ham (Zur Vermeidung unerschlagener Ts umformulier). Das Feindbild aller Konzerne, die sich im Web 2.0 verirrt haben. Die Nummer Eins auf der Hassliste aller vors Knie Gepinkelter. Der selbst ernannte moralischste Mensch der Welt. Der Ingolstädter Bonzensohn mit verchromtem Schloss und antiker Fiat Barchetta, der sich allen Ernstes in die Zone traut.

/Foto von Don Alphonso im One on One mit der Schreibtischlampe entfernt. Dabei war’s so hübsch…/

Die ausgefeilte Webmaskerade des Rainer Meyer lässt Don Alphonso eigentlich als finsteres Virus im Netz zurück, wenn er sich mal unter Menschen begibt. Hat er jedenfalls im Gespräch mit der Netzeitung behauptet. Hat er aber nicht getan. Und so war sein Gastauftritt auch um einiges unterhaltsamer als befürchtet – auch wenn er für die meisten nicht viel Neues zu verkünden hatte. Die Grundaussagen sind mir dennoch ganz gut in Erinnerung geblieben – Fäkalwortschatz hinterlässt an der Hirnrinde eben seine Bremsstreifen, das weiß der Herr Alphonso, den auch Journalisten duzen dürfen, selbst am besten.

Zunächst einmal meint der Don, dass sich viele Journalisten (außer Leyendecker) gerne mal von Konzernen aufkaufen lassen und deren Glaubwürdigkeit daher mit Vorsicht zu genießen sei. Nun, dass wir alle Mediennutten sind, ist mir nicht neu. Ich studiere ja nicht umsonst das älteste Gewerbe der Welt. Schließlich wird es ganz gut bezahlt und von der Gesellschaft mittlerweile immer besser akzeptiert – zumindest in Europa.

Der dreiste Don hat selbst einst beim Bürgerradio angefangen und schreibt noch heute Artikel über die Mille Miglia oder die jüdische Gemeindepolitik. Ohne Praktikum, Volo oder sonstige journalistische Ausbildung habe er es dorthin geschafft. Und er ist in der Lage, heikle Themen zu recherchieren und Artikel zu schreiben, die Hand und Fuß haben müssen, weil sich aus allen Ecken die Dondenunzianten krampfhaft auf inhaltliche Fehler zu stürzen versuchen. Ist bislang keinem gelungen; weshalb sich wohl so mancher eine Scheibe von den Don’schen Rechercheskills abschneiden darf.

Später hat es der Donnerfonz dann doch vorgezogen, die meisten Journalisten (außer Leyendecker) als „zynische Dreckschweine“ zu betrachten. Nun – sofern ich es wagen darf, mich erneut angesprochen fühlen zu dürfen – auch als solches bin ich nicht zum ersten Mal bezeichnet worden. Außerdem stellte Großmeister Alphonso klar, dass er „keine Zeitung mehr aufschlagen kann, ohne die Krätze zu kriegen“. Und dass er sein Kind lieber auf den Bau schicken würde als in den Journalismus. Noch hat der gute Mann kein Kind, aber ich hoffe doch sehr, dass sein armes Töchterlein da noch ein Wort mitreden darf.

Was ich dann aber doch noch nicht gehört hatte, war die Ansicht, dass Blogger die besseren Menschen sind. Weshalb Journalisten auch keine oder höchstens grottenschlechte Blogger sein könnten. In der Blogosphäre befänden sich nämlich alle auf der gleichen Ebene, ob nun mit Schloss und GT und Medienpreis oder ohne. Der kommentierende Blogger sei respektlos, stimmgewaltig und damit schützenswert. Endlich mal ein Ort, an dem alle Menschen gleich sind. Der Sozialistendon – ein Weltverbesserer. Dass er sich das in seinem Adelsstand überhaupt leisten kann.

So lange jedenfalls die Weltbevölkerung nicht die Mentalität in der Blogosphäre vollständig verinnerlicht und im alltäglichen Miteinander anwendet, wird der Don ohne Johnson weiter Waden beißen, Beine vollpinkeln, Dreckwäsche waschen und beneidenswert investigativ unterwegs sein. Sowohl auf seinen Blogs herumwütend, zur Freude seiner Leser – als auch auf advokatischen Mahagonischreibtischen beinebaumelnd, zur Freude seines Portemonnaies. Man lebt ja nicht vom Bloggen allein.

Ich zeige mich von Don Alphonsos Talenten (Arroganz, Polemik, Schreibgeschwindigkeit und Recherchearbeit – und zwar in genau dieser Reihenfolge) sichtlich beeindruckt und frage trotz des dadurch sehr dürftigen Schlussabsatzes meines heutigen Eintrags in die Runde: Handelt es sich um die BLOGBAR, an der man ein schlecht gezapftes Bier bestellen kann? Sind Dons Beiträge BLOGBAR? Oder ist die BLOGBAR eine Taste wie die Spacebar, die in meinem Aldi-Laptop keine Erwähnung gefunden hat?

Skandal! In Call-In-Shows wird beschissen!

Posted Mai 17, 2007 by philippb
Categories: Medien

Das hätte nun wirklich niemand erwartet! ARD-Zuschauer wurden schon in der vergangenen Woche bei “Plusminus” vorsichtig darauf hingewiesen, jetzt belastet ein Video den Sender 9Live, in welchem Moderatorin Alida Absprachen mit der Redaktion hält, wann und ob überhaupt der “Hot Button” zuschlagen soll, um endlich einen Anrufer in die Sendung zu holen.

Weltbilder zerbrechen. Nicht nur, dass hier und dort böse Zungen behaupten, die Brüste der nächtlichen DSF-”Moderatorinnen” seien so unecht wie Unterschrift und Siegel auf ihren Sonderschulzeugnissen. Jetzt also auch noch der “Hot Button”, der gar nicht zufallsbedingt zuschlägt! Sondern erst dann, wenn auch der letzte vertrottelte Anrufer aufgibt, weil er auf den Trichter gekommen ist, dass er wieder mal derbe verarscht worden ist. Deutschland ist entsetzt!

Ich bin doch nicht blöd: Werbeferkel mietet „Vollidiot“

Posted Mai 15, 2007 by philippb
Categories: Medien

Die beiden müssen wohl während der Drehpause eines Episodenwerbespots auf einem saubilligen Flachbildschirm gekuschelt haben, als ihnen diese Schnapsidee ins Hirn geflimmert ist: Harald Schmidt und Oliver Pocher gehen Ende Oktober bei der ARD mit einer gemeinsamen Abendshow auf Sendung.

Oli P. und Ferkel
Foto: ARD/Fulvio Zanetti

„Spitzenidee, mein Sohn“, sagt das Ferkel mit Heute-Journal-Praktikum zum selbst ernannten B-Promi. „Du unterschreibst beim Rentnerverein und rettest meine Quote, indem du deine verpickelten Fans mit ins Haus holst. Dafür gebe ich dir die Chance, endlich richtig erfolgreich zu werden, anstatt unter Raabs Eventshows abzuschmieren.“ Und die ARD feiert ihre Verjüngungskur als große TV-Sensation. Die Botoxspritze nennt sich – ganz originell – „Schmidt & Pocher“. Noch origineller das Konzept: Die beiden wollen sich über das Fernsehen lustig machen.

Keine schlechte Karriere für Oli P., der sich vor ein paar Jahren noch bei Hans Meiser rechtfertigen musste, weil seine Freunde ihn alle überhaupt nicht lustig finden. ProSieben nimmt’s dem Milchbubi nicht einmal übel und wird trotz allem im Herbst einen Mitschnitt seines Bühnenprogramms ausstrahlen. Für die Kogel & Schmidt GmbH hingegen riecht der Plan schon beinahe nach Verzweiflungstat. Doch Jungbrunnen Pocher soll nicht nur Schmidt den Allerwertesten retten, sondern am besten gleich der ganzen ARD. „Es wird sicherlich weitere Sendungen mit Oliver Pocher im Ersten geben“, sagte ARD-Sprecher Burchardt Röver dem Medienmagazin DWDL.

Und folgt damit bedingungslos den Wünschen von Großmeister Schmidt. Aber wieso eigentlich? Seine Late-Night liegt quotentechnisch seit zwei Jahren im Keller. Entweder, weil sie einfach nicht mehr gut ist, oder aber, weil der Zuschauer nie weiß, ob Herr Schmidt sich mal wieder auf seinem Programmplatz die Ehre gibt oder doch schon wieder im Urlaub ist. In den vergangenen Wochen sahen nur noch eine gute Million Zuschauer seine Show. Auch die Wiederbelebung von „Pssst“ wird nach dem Misserfolg der ersten Sendungen nicht fortgesetzt. Als Retter des Ersten hat Harald Schmidt jedenfalls versagt. Jetzt rettet Dirty Harry erst einmal sich selbst. „Schmidt & Pocher“ wird die Late-Night ablösen. Wo Andrack und Natalie bleiben, steht noch nicht fest.